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Viele Arbeitgeber haben Bedenken, schwerbehinderte Menschen einzustellen. Dabei sagt dieser Status kaum etwas über die tatsächliche Leistungsfähigkeit aus. Worauf müssen Arbeitgeber achten, wenn sie Schwerbehinderte beschäftigen?

Kompetent, motiviert und behindert? Unternehmen, die eine Stelle neu besetzen, denken in der Regel kaum an einen der rund drei Millionen erwerbsfähigen Schwerbehinderten in Deutschland. Und liegen doch mal Unterlagen eines Schwerbehinderten auf dem Stapel an Bewerbungsmappen, scheuen viele Arbeitgeber zurück: Sie glauben, schwerbehinderte Mitarbeiter seien oft krank, es entstünden hohe Kosten und mit dem Rollstuhl würde ein unüberschaubarer Mehraufwand in die Werkshalle fahren.

Die Erfahrung zeigt aber, dass sich die krankheitsbedingten Fehlzeiten nicht von denen der Kollegen unterscheiden, die Kosten für einen behindertengerechten Arbeitsplatz meist nur zu einem geringen Teil vom Unternehmen getragen werden müssen und die Behinderung oft nicht ins Gewicht fällt. Was kaum jemand weiß: am weitaus häufigsten sind Funktionsstörungen der inneren Organe, etwa nach einer Nierentransplantation, der Grund für den Status "Schwerbehindert". Als behindert gilt ein Mensch, wenn seine körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit länger als sechs Monate von dem für sein Lebensalter typischen Zustand abweicht. Wie sehr die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft dadurch beeinträchtigt wird, drückt man als Grad der Behinderung (GdB) in Zehnerschritten aus. Schwerbehindert ist ein Mensch, der einen GdB von wenigstens 50 hat.

Laut Gesetz sind Betriebe mit mindestens 20 Arbeitsplätzen verpflichtet, wenigstens auf fünf Prozent davon Schwerbehinderte einzusetzen. Für kleine Betriebe bestehen Sonderregelungen. Kommt ein Unternehmer seiner Verpflichtung nicht nach, muss er für jede unbesetzte Pflichtstelle eine Ausgleichsabgabe an das Integrationsamt zahlen. Je weniger schwerbehinderte Mitarbeiter beschäftigt werden, umso höher die Abgabe.

Bewerber mit Behinderung

Unternehmen erleichtern schwerbehinderten Leistungsträgern die Bewerbung, wenn sie zum Beispiel in Stellenausschreibungen hervorheben, dass Behinderte willkommen sind. Wer passende Bewerber für ein spezielles Stellenprofil sucht, sollte sich jedoch besser direkt an die Agentur für Arbeit bzw. den Integrationsfachdienst wenden. Auch nach erfolgreicher Vermittlung stehen sie Arbeitgebern und Schwerbehinderten zur Seite. Vorab sollte das Unternehmen zwei arbeitsrechtliche Besonderheiten kennen:
  • Zusatzurlaub: Schwerbehinderte haben Anspruch auf eine zusätzliche Woche bezahlten Urlaub. Das entspricht fünf Tagen Urlaub bei einer 5-Tage-Woche, bei Teilzeit entsprechend weniger.
  • Kündigungsschutz: Kein Schwerbehinderter darf ohne Zustimmung des Integrationsamtes gekündigt werden. Generell strebt das Amt dabei eine einvernehmliche Lösung an, die den Kündigungsgrund beseitigt, sofern dies möglich ist.
Mehraufwand im Bereich der Sozialversicherung? Dort müssen sich Arbeitgeber keine Sorgen machen: Behinderte Mitarbeiter unterliegen denselben sozialversicherungsrechtlichen Bestimmungen, wie die übrigen Beschäftigten.

Behindertengerechter Arbeitsplatz

Die meisten Behinderungen stellen überhaupt keine besonderen Anforderungen an den Arbeitsplatz. Nur in Einzelfällen muss über eine behindertengerechte Anpassung nachgedacht werden. Dabei lässt sich kaum pauschal beantworten, was behindertengerecht ist, denn jede Behinderung bringt andere Bedürfnisse mit sich: Lernbehinderte brauchen vor allem einen klaren Arbeitsablauf, Rollstuhlfahrer dagegen Platz und die richtige Arbeitshöhe. Auf diese Weise sollen optimale Leistungen ermöglicht, Belastungen abgebaut und gesundheitlichen Schäden vorgebeugt werden. Oft reicht es aus, organisatorische Maßnahmen zu ergreifen. Ist eine technische Umgestaltung des Arbeitsplatzes nötig, erfahren Unternehmen und Schwerbehinderte von den Ingenieuren des Integrationsamtes, welche Maßnahmen ergriffen werden können. Gemeinsam wird auf Wunsch ein individuelles Arbeitsplatzkonzept entwickelt, das den Anforderungen genügt. Häufig kommen dabei technische Arbeitshilfen zum Einsatz, zum Beispiel Hebehilfen für Prothesenträger. Es können aber auch bauliche Veränderungen notwendig sein, etwa eine Verbreiterung der Türen für Rollstuhlfahrer.

Finanzielle Förderung

Integrationsamt und Agentur für Arbeit stellen vielfältige Fördermittel für Betriebe und Schwerbehinderte bereit. Wichtige Ansprechpartner sind die beratenden Integrationsfachdienste des Integrationsamtes. Sie klären am Einzelfall, welche finanziellen Leistungen in Betracht kommen. Dabei kann es sich um unterschiedlich hohe Zuschüsse handeln, aber auch um zinsgünstige Darlehen. Arbeitgeber sollten dennoch mit anfallenden Investitionskosten rechnen. Da die berufliche Eingliederung des schwerbehinderten Menschen im Zentrum aller Bemühungen steht, werden die finanziellen Mittel für eine individuell angefertigte, technische Arbeitshilfe oft an den betroffenen Mitarbeiter ausgezahlt. So kann er diese später zu einem Folge-Arbeitgeber mitnehmen. Bleibt die Leistung eines schwerbehinderten Mitarbeiters trotz Maßnahmenpaket dauerhaft um mindestens 30 Prozent hinter der Normalleistung zurück, kann der Arbeitgeber einen Minderleistungsausgleich beim Integrationsamt beantragen, der in verschiedene Leistungsstufen gestaffelt ist.

Das Integrationsamt

In jedem Bundesland gibt es mindestens ein Integrationsamt. Es richtet Fachdienste ein, die den Weg schwerbehinderter Menschen ins Berufsleben ebnen. So berät, unterstützt und begleitet zum Beispiel der Integrationsfachdienst den schwerbehinderten Arbeitnehmer und dessen Arbeitgeber. Bei Bedarf entwickeln Ingenieure des Integrationsamtes zudem individuelle Lösungsvorschläge bei technisch-organisatorischen Fragen, für eine behindertengerechte Arbeitsplatzausstattung und technische Arbeitshilfen. Auch über die finanzielle Unterstützung entscheidet und verfügt das Integrationsamt.

IKK-Service Sie haben noch Fragen zur Beschäftigung schwerbehinderter Menschen?
Unter www.ikk.de > Für Arbeitgeber > Sozialversicherung im Betrieb > Schwerbehinderte finden Sie u. a. weitere Informationen
  • zum besonderen Kündigungsschutz,
  • zur Beschäftigungsverpflichtung und Ausgleichsabgabe sowie
  • zu Möglichkeiten finanzieller Förderung.
*) siehe auch letzter Absatz

Tipps für Arbeitgeber

Tipp 1
Prüfen Sie bei jeder freien Stelle, ob dort ein schwerbehinderter Mensch eingesetzt werden kann. Gerade Schwerbehinderte erweisen sich oft als loyale, leistungsorientierte Mitarbeiter, die ihren Platz im Unternehmen hochmotiviert ausfüllen. Die positiven Effekte aufs Betriebsklima liegen auf der Hand.

Tipp 2
Arbeitgeber mit mehr als 20 Mitarbeitern sollten darauf achten, die Zahl der von ihnen beschäftigten Schwerbehinderten fristgerecht bis Ende März des Folgejahres an die Arbeitsagentur zu melden. Verzichtet ein Arbeitgeber darauf, liegt eine Ordnungswidrigkeit vor, die ein Bußgeld von bis zu 10.000 Euro nach sich ziehen kann.

Tipps für Arbeitnehmer

Tipp 1
Weisen Sie bei der Anmeldung zur Abschluss- oder Gesellenprüfung vor der Handwerks- bzw. Industrie- und Handelskammer darauf hin, dass Sie behindert sind. Ein etwaiger Nachteil kann dann durch besondere Maßnahmen, wie z. B. Zeitverlängerung, Pausen oder eine Abwandelung der Prüfungsform, ausgeglichen werden.

Tipp 2
Behinderte, mit einem Grad der Behinderung von mindestens 30, können Schwerbehinderten gleichgestellt werden, wenn sie sonst keinen geeigneten Arbeitsplatz erhalten oder behalten können. Die Gleichstellung wird bei der Agentur für Arbeit beantragt und ermöglicht eine Förderung, etwa durch das Integrationsamt. Ein Recht auf Zusatzurlaub besteht jedoch nicht.

*) Weitere Informationen finden Sie unter www.integrationsaemter.de